Shared Mobility Trends 2022: Plattformen, Mobilitätsbudgets, On-Demand Services und mehr

von Franziska Kollenbroich und Benjamin Regorz, 28.06.2022

Der Shared Mobility Markt in Deutschland hat sich im Jahr 2022 von den Corona-bedingten Umsatzeinbrüchen erholt. Die Anzahl an Angeboten und zur Verfügung stehenden Fahrzeugen sowie angemeldeten Nutzer*innen wächst rasant.[1] Die Schaffung immer besserer digitaler Zugangs- und Buchungsfunktionen via Apps ist einer der Hauptgründe für dieses Wachstum. In diesem Artikel betrachten wir die wesentlichen Trends und Veränderungen seit unserer letzten Shared Mobility Bestandsaufnahme im Februar 2020 und wagen ein kurzes Fazit, wie Shared Mobility einen wichtigen Beitrag zur Verkehrswende leisten kann.

Digitalisierung stärkt den Sharing Markt und ermöglicht Mobilitätsplattformen

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung in Deutschland enorm gefördert. Die erhöhte Akzeptanz von digitalen Kommunikationskanälen hat die technische Entwicklung verschiedenster digitaler Angebote intensiviert. Davon scheint auch der Shared Mobility Markt zu profitieren, da deren Geschäftsmodelle überwiegend den Zugang über Apps vorsehen.

Neben den Apps einzelner Sharing Anbieter, die meist nur die Nutzung der unternehmenseigenen Sharing Angebote ermöglichen, etablieren sich zunehmend Sharing Plattformen, die das Angebot einer Vielzahl von Sharing Anbietern vereinen. Auf Bundesebene ist hier beispielsweise die App der Brancheninitiative mobility inside zu nennen, aber auch FreeNow entwickelt sich zu einer multimodalen Plattform weiter.

Anbieterübergreifende Shared Mobility Plattform am Beispiel Hamburg: hvv switch

Ergänzt wird dies durch regionale Angebote wie „hvv switch“, die alle relevanten Mobilitätsangebote einer Region über eine App vereinen wollen. Die App des Hamburger „Switch-Angebotes“ wurde mehr als 110.000 Mal gedownloadet (entspricht etwa 7% der Hamburger Bevölkerung) und bietet Zugriff auf die Angebote des örtlichen Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), den Sharing-Angeboten von Miles, SIXT share und Tier sowie dem Ridepooling-Service MOIA. Teil des Konzepts ist zudem die Schaffung von physischen Mobility Hubs, an denen die Fahrzeuge und Angebote der teilnehmenden Anbieter gesammelt abgestellt und entliehen werden können.

Mobilitätsbudgets vom Arbeitgeber werden immer populärer

Spätestens seit 2022 ist ein weiter Trend zu beobachten: Mobilitätsplattformen bieten Mitarbeitenden Zugang zu diversen Angeboten der Shared Mobility und des ÖPNV. In der Regel wird den Mitarbeitenden ein Mobilitätsbudget zur Verfügung gestellt, welches sie nach eigenem Ermessen verbrauchen können.

Große Arbeitgeber wie Lufthansa oder SAP lassen dafür eigene Apps wie „Rydes“ entwickeln. Private Anbieter wie LOFINO, MOBIKO oder Moovster bieten ebenso Mobilitätsbudgets für Unternehmen in unterschiedlicher Form an. Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) bietet Unternehmen diese Funktion als Teil der switch App unter dem Produktnamen „hvvm / Das Mobilitätsbudget“ an, dies in Zusammenarbeit mit dem bonvoyo Angebot der DB.

All diese Lösungen haben zum Ziel, dass die Menge an Dienstwagen und Arbeitswege mit dem MIV  sinken, da multimodales Pendeln zunimmt.

Carsharing in Deutschland 2022: Marktüberblick, Trends und Nutzen

ShareNow dominiert den Carsharing Markt

Insgesamt gab es Anfang 2022 in Deutschland 243 Carsharing Anbieter mit einer Flotte von über 30.000 Fahrzeugen und knapp 3,4 Millionen Kund*innen, die sich bei einem Anbieter fahrberechtigt registriert haben.[2] Das Marktwachstum im Carsharing ist dabei auch in den Corona-Jahren weiter positiv. Die Zahl der Nutzenden stieg im Vergleich zum Vorjahr um 18% und die Flotte um 15%.

Der aktuell größte Anbieter in Deutschland ist das Joint-Venture „ShareNow“: Seit der Fusion von Car2Go und DriveNow verzeichnet das zu der BMW Group und der Mercedes-Benz Mobility AG gehörende Angebot europaweit etwa drei Millionen Nutzer*innen und stellt mehr als 11.000 Fahrzeuge zur Verfügung. Das Unternehmen wurde jedoch kürzlich an den Stellantis Konzern verkauft[3]. Durch den Zukauf und die Integration in das eigene Angebot Free2move ist Stellantis damit Marktführer in Europa.

Das zur Deutschen Bahn AG (DB) gehörende Angebot „Flinkster“ belegt mit seinen rund 4.500 Sharing Autos und mehr als 300.000 Kunden den zweiten Platz in Deutschland und ist damit der führende Anbieter im Bereich des stationsbasierten Carsharings.

Zunehmender Wettbewerb im Carsharing Markt: Dynamische Anbieterstruktur am Beispiel Hamburg

Seit 2021 bietet Volkswagen mit seinem Dienst „WeShare“ ein eigenes Free-Floating Angebot in Hamburg (und Berlin) an. Dabei startete der Branchenriese in Hamburg mit 800 vollelektrischen Fahrzeugen vom Typ ID.3 und deckt damit etwa 110 km² (14% der Stadtfläche) ab. Damit liegt WeShare knapp hinter ShareNow, das 15% der Hamburger Stadtfläche bedient und damit das größte Geschäftsgebiet hat. Der Anbieter Miles stellt inzwischen mehr als 700 Carsharing Autos in Hamburg zur Verfügung und bedient 12% der Stadtfläche. Auch der ursprünglich nur im stationsbasierten Carsharing agierende Anbieter SIXT baut sein Angebot aus und bietet in Hamburg mit „SIXT share“ etwa 450 Fahrzeuge im Freefloating an, von denen 50 elektrisch betrieben werden.

Carsharing ermöglicht ökologische Vorteile für Städte durch reduzierten Parkraumbedarf

Insbesondere in dicht besiedelten Stadtgebieten kann durch den sinnvollen Einsatz von Carsharing Angeboten die Anzahl der gesamten Personenkraftwagen (Pkw) reduziert werden. Neben dem Einsparen von Produktionsressourcen führt die verringerte Anzahl an Fahrzeugen zu einem reduzierten Bedarf an Parkraum, was wiederum Flexibilität bei der Stadtplanung schafft. Die frei gewordenen Flächen können zur Steigerung der Lebensqualität umgestaltet werden, beispielsweise durch die Schaffung zusätzlicher Grünflächen und Fahrradwege sowie einem optimierten Angebot an ÖPNV-Leistungen.

Ökonomische Vorteile gegenüber dem Besitz eines eigenen Pkw

Gemäß den Berechnungen des Kraftfahrt-Bundesamt sank die durchschnittliche Jahresfahrleistung von Pkws im Jahr 2021 weiter auf 12.269 km. Die Methodik verschiedener Berechnungen zur Bestimmung der ökonomischen Vorteile einer konsequenten Nutzung von Carsharing Angeboten gegenüber dem privaten Pkw-Besitz variiert mitunter erheblich. Je nach Betrachtung stellt sich die Inanspruchnahme von Carsharing bis zu einer Fahrleistung von 10.000 km als ökonomisch vorteilhaft heraus. Das Einsparpotenzial von Freefloating Modellen liegt aufgrund der regelmäßig höheren Tarife leicht darunter bzw. die maximale Kilometerleistung niedriger.

On-Demand Services als weitere Ergänzung zum ÖPNV (Beispiel Hamburg)

Ridepooling als modernste Ausprägung von On-Demand Services stellen wie Rufbusse eine Hybridform von ÖPNV und Taxen dar und festigen ihre Rolle im städtischen Mobilitätsmix.

Der Branchenführer MOIA hat seinen emissionsfreien Verkehr in Hamburg im April 2019 aufgenommen und bis Ende 2021 über 3,8 Mio. Fahrgäste befördert. MOIA hat einen eigenen Tarif und erbringt die Fahrleistung mit 500 Elektrokleinbussen, die ab 2025 in Form des „ID.Buzz AD“ autonom fahren sollen. Eine besonders enge Verzahnung mit den Hamburger ÖPNV-Anbietern ergab sich während des zweiten Lockdowns im Herbst 2020, indem MOIA aufgrund der verringerten Nachfrage die Nachtfahrten zwischen 0 und 6 Uhr übernommen hatte.

In etwas anderer Ausprägung bietet die DB-Tochter ioki ihre Services in Hamburg an. Die ebenfalls elektrisch betriebenen Kleinbusse verkehren als integrierter Teil des ÖPNV-Angebots und stehen allen ÖPNV-Nutzer*innen gegen geringen Aufpreis zum Regeltarif zur Verfügung. Seit der Einführung im Jahr 2022 haben etwa 600.000 Kunden den Service genutzt. Nach Aussage des Anbieters besitzen rund 88 Prozent der ioki-Hamburg-Nutzenden eine Zeitkarte des HVV und 72 Prozent der Fahrten werden als „erste und letzte Meile“ und intermodal vom und zum ÖPNV genutzt.

Shared Mobility kann einen wichtigen Beitrag zur Verkehrswende leisten

Das Shared Mobility Angebot bietet bereits heute Anreize für den Verzicht auf einen privaten Pkw. Für Personen mit unterdurchschnittlicher Fahrleistung ist dies direkt monetär spürbar.

Um das maximale Potenzial von Shared Mobility zum Erreichen der Verkehrswende zu heben, ist jedoch die sinnvolle Integration in die übrigen Verkehrsangebote entscheidend. Ziel muss es sein, in Kombination mit einem gestärkten ÖPNV-Angebot auch Menschen mit überdurchschnittlichen Fahrleistungen eine echte Alternative zu bieten. Mobilitätsplattformen und Mobilitätsbudgets können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten, auch um die Menge der Dienstwagen zu reduzieren. Die daraus resultierende Verringerung an zugelassenen Pkws schafft Freiflächen, die sowohl zum Ausbau von Fahrradwegen und Grünflächen wie auch zur Stärkung des ÖPNV-Angebotes genutzt werden sollten.

Im Ergebnis kann Verkehr vermieden oder zumindest verlagert werden, was gemeinsam mit neu geschaffenen Grünflächen die Lebensqualität nachhaltig erhöht.


[1] vgl. fluctuo – European Shared Mobility Index 2022 (Q1/ Q2)

[2] Nicht überschneidungsfrei – Fahrberechtigte, die sich bei mehreren Anbietern angemeldet haben, wurden mehrfach gezählt

[3] Zustimmung der Kartellbehörden steht aus

28. Juni 2022